Die trügerische Idylle
Von Juliane Kaune Der Schein trügt – das alte Sprichwort
benutzt Torsten Heuer dieser Tage häufig. Der Bezirksvorsitzende der
Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) steht an der
Badestelle am Lindener Leineufer und schaut flussabwärts. Immer
wieder, sagt er, werde er gefragt, warum das Schwimmen in der Leine
bei der guten Wasserqualität nicht grundsätzlich erlaubt sei. Und
dann gibt er immer wieder die gleiche Antwort: „So einladend die
Ufer an vielen Stellen auch wirken mögen – das ist eine trügerische
Idylle. Wer in der Leine badet, begibt sich in Gefahr.“ Bisher
gehört der Fluss nicht zum Einsatzgebiet der DLRG. Am
Sonnabendvormittag machten sich die Helfer aber bereits ein Bild von
der Lage. Die von Stadt und BUND hergerichtete Stelle an der
Schwanenburgbrücke in Linden sei der einzige Bereich, wo das Baden
möglich sei, meint Heuer. Wären da nicht die Wasserskiläufer.
Grundsätzlich sei die DLRG bereit, während des Einsatzes der
schnellen Motorboote auf die Schwimmer aufzupassen. Doch vor dem 17.
August wird sich nichts tun – bis dahin haben die Stadt und das
Wasser- und Schifffahrtsamt den Termin für ein Gespräch verschoben.
„Die Verantwortlichen müssen auf uns zukommen, nicht umgekehrt“,
betont Heuer. Noch ist an diesem Vormittag der Badestelle wenig
los. Die DLRG-Aufpasser lassen ihr Boot zu Wasser und schippern in
südlicher Richtung über die Leine. Der Fluss wirkt nicht wie eine
Gefahrenquelle. Üppig bewachsene Uferstreifen – und kein
Wasserskiläufer in Sicht. Doch der Schein trügt eben. An vielen
Stellen sei die Strömung zu stark, die Ufer fielen viel zu steil ab,
betont Einsatzleiter Florian Wesemeier. Auch Schlingpflanzen und
Schlamm könnten zur unsichtbaren Falle werden. Vor allem im Bereich
zwischen Schnellem Graben und Döhrener Wehr sei das Baden „extrem
gefährlich – und nirgends gibt es eine Badeaufsicht, die im Notfall
helfen kann“. Über dem schmalen Seitenarm der Leine entlang dem
Weddigenufer hängen die Zweige bis ins Wasser, die Strecke wirkt wie
ein unberührtes Stück Natur. Es gibt gemütliche Ufergärten mit
Hängematten und lauschige kleine Bootsstege. Doch plötzlich kommen
zwei Ruderer angefahren. Sie blicken sich nur alle paar Sekunden um,
mit ihren Riemen nehmen sie fast die gesamte Flussbreite ein. „Das
kann für Schwimmer fatal enden“, sagt Wesemeier. Es geht zurück zur
Gabelung, wo sich Leine und Ihme teilen. An dieser Stelle steht die
Strandbar „Strandleben“. Auch dort sollte man keinesfalls ins Wasser
springen, warnt Wesemeier. „Das Ufer ist so steil, da kommt man gar
nicht wieder hoch.“ Die Wasserqualität der Ihme sei mit der
Leine vergleichbar, meint Heuer. Doch auf der Ihme gebe es noch mehr
Boots- und Schiffverkehr. Sie wirkt immer weniger einladend, je
näher das DLRG-Boot Richtung Süden fährt. In Höhe der
Spinnereistraße ist das Ufer flacher, doch dort gibt es eine
Anlegestelle für das Lindener Kraftwerk und eine Filteranlage unter
Wasser. „Das sind tückische Gefahrenquellen“, mahnt Wesemeier.
Entlang dem Ihme-Zentrum begrenzen auf weiter Strecke Spundwände das
Ufer, ein Ausstieg wäre für einen von der Strömung dorthin
getriebenen Schwimmer kaum möglich. Wieder bei der
Schwanenburgbrücke angekommen, ist an der Badestelle bereits
Betrieb. Mehrere Schwimmer ziehen ihre Bahnen – hier gibt es zwar
nur eine schwache Strömung und keine Spundwände, doch düsen die
Wasserskiläufer dicht an den Schwimmern vorbei. „So kann das nicht
weitergehen“, meint Wolfgang Weisser, der ein Bad in der Leine
genommen hat. „Warum sollen so viele Bürger zu Gunsten der Sportler
auf ihr Badevergnügen
verzichten?“ |