Ausgabe: HAZ  Datum: 31.07.2006

Die trügerische Idylle

Von Juliane Kaune
Der Schein trügt – das alte Sprichwort benutzt Torsten Heuer dieser Tage häufig. Der Bezirksvorsitzende der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) steht an der Badestelle am Lindener Leineufer und schaut flussabwärts. Immer wieder, sagt er, werde er gefragt, warum das Schwimmen in der Leine bei der guten Wasserqualität nicht grundsätzlich erlaubt sei. Und dann gibt er immer wieder die gleiche Antwort: „So einladend die Ufer an vielen Stellen auch wirken mögen – das ist eine trügerische Idylle. Wer in der Leine badet, begibt sich in Gefahr.“
Bisher gehört der Fluss nicht zum Einsatzgebiet der DLRG. Am Sonnabendvormittag machten sich die Helfer aber bereits ein Bild von der Lage. Die von Stadt und BUND hergerichtete Stelle an der Schwanenburgbrücke in Linden sei der einzige Bereich, wo das Baden möglich sei, meint Heuer. Wären da nicht die Wasserskiläufer. Grundsätzlich sei die DLRG bereit, während des Einsatzes der schnellen Motorboote auf die Schwimmer aufzupassen. Doch vor dem 17. August wird sich nichts tun – bis dahin haben die Stadt und das Wasser- und Schifffahrtsamt den Termin für ein Gespräch verschoben. „Die Verantwortlichen müssen auf uns zukommen, nicht umgekehrt“, betont Heuer.
Noch ist an diesem Vormittag der Badestelle wenig los. Die DLRG-Aufpasser lassen ihr Boot zu Wasser und schippern in südlicher Richtung über die Leine. Der Fluss wirkt nicht wie eine Gefahrenquelle. Üppig bewachsene Uferstreifen – und kein Wasserskiläufer in Sicht. Doch der Schein trügt eben. An vielen Stellen sei die Strömung zu stark, die Ufer fielen viel zu steil ab, betont Einsatzleiter Florian Wesemeier. Auch Schlingpflanzen und Schlamm könnten zur unsichtbaren Falle werden. Vor allem im Bereich zwischen Schnellem Graben und Döhrener Wehr sei das Baden „extrem gefährlich – und nirgends gibt es eine Badeaufsicht, die im Notfall helfen kann“.
Über dem schmalen Seitenarm der Leine entlang dem Weddigenufer hängen die Zweige bis ins Wasser, die Strecke wirkt wie ein unberührtes Stück Natur. Es gibt gemütliche Ufergärten mit Hängematten und lauschige kleine Bootsstege. Doch plötzlich kommen zwei Ruderer angefahren. Sie blicken sich nur alle paar Sekunden um, mit ihren Riemen nehmen sie fast die gesamte Flussbreite ein. „Das kann für Schwimmer fatal enden“, sagt Wesemeier. Es geht zurück zur Gabelung, wo sich Leine und Ihme teilen. An dieser Stelle steht die Strandbar „Strandleben“. Auch dort sollte man keinesfalls ins Wasser springen, warnt Wesemeier. „Das Ufer ist so steil, da kommt man gar nicht wieder hoch.“
Die Wasserqualität der Ihme sei mit der Leine vergleichbar, meint Heuer. Doch auf der Ihme gebe es noch mehr Boots- und Schiffverkehr. Sie wirkt immer weniger einladend, je näher das DLRG-Boot Richtung Süden fährt. In Höhe der Spinnereistraße ist das Ufer flacher, doch dort gibt es eine Anlegestelle für das Lindener Kraftwerk und eine Filteranlage unter Wasser. „Das sind tückische Gefahrenquellen“, mahnt Wesemeier. Entlang dem Ihme-Zentrum begrenzen auf weiter Strecke Spundwände das Ufer, ein Ausstieg wäre für einen von der Strömung dorthin getriebenen Schwimmer kaum möglich.
Wieder bei der Schwanenburgbrücke angekommen, ist an der Badestelle bereits Betrieb. Mehrere Schwimmer ziehen ihre Bahnen – hier gibt es zwar nur eine schwache Strömung und keine Spundwände, doch düsen die Wasserskiläufer dicht an den Schwimmern vorbei. „So kann das nicht weitergehen“, meint Wolfgang Weisser, der ein Bad in der Leine genommen hat. „Warum sollen so viele Bürger zu Gunsten der Sportler auf ihr Badevergnügen verzichten?“